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Greifswalder ist Präsident beim Deutschen Schmerzkongress

Dr. Robert Fleischmann leitet als einer von zwei Präsident*innen den Deutschen Schmerzkongress vom 21.-24. Oktober 2026. Unter dem Thema „Wandel bewegt“ kommen in Mannheim ca. 1000 Teilnehmende aus Deutschland zu diesem führenden deutschen Fachkongress zusammen. Präzisionsmedizin, Prävention und Partizipation sind die Schwerpunktthemen des Kongresses. Wo Robert Fleischmann seinen Schwerpunkt setzt, erfahren wir neben vielen anderen Aspekten im Interview mit ihm.

Herr Fleischmann, Sie sind einer der beiden Präsident*innen des Deutschen Schmerzkongresses 2026. Welche Aufgaben sind damit verbunden, und welche Themen möchten Sie persönlich voranbringen?

Zu meinen wesentlichen Aufgaben als Kongresspräsident gehören die Programmgestaltung und die Festlegung der inhaltlichen Schwerpunkte. Gemeinsam mit meiner Co-Präsidentin von der Deutschen Schmerzgesellschaft haben wir das Motto „Wandel bewegt“ gewählt. Damit möchten wir ausdrücken, dass sich sowohl die Schmerzmedizin als auch ihr gesellschaftliches Umfeld und die Rahmenbedingungen der Gesundheitsversorgung verändern. Dieser Wandel beschäftigt die behandelnden Berufsgruppen ebenso wie die Patientinnen und Patienten.

Unter diesem Motto haben wir die drei Schwerpunkte Präzisionsmedizin, Prävention und Partizipation gesetzt. Alle drei sind mir wichtig. Besonders am Herzen liegt mir die Präzisionsmedizin im Sinne einer personalisierten Behandlung. Wir möchten Informationen über die individuellen Krankheitsmechanismen nutzen, um unter den verfügbaren Therapieoptionen möglichst früh diejenige auszuwählen, die für den einzelnen Menschen am besten geeignet ist. Dadurch soll sich die oft lange Suche nach einer wirksamen und verträglichen Behandlung verkürzen. 

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Priv.-Doz. Dr. med. Robert Fleischmann von der Klinik für Neurologie an der Unimedizin Greifswald

Sie sagten es gerade selber: Der Kongress steht unter dem Motto „Wandel bewegt“. Was verändert sich denn derzeit in der Schmerzmedizin besonders stark?

Wir erleben gleichzeitig einen wissenschaftlichen und einen strukturellen Wandel. Besonders beschäftigt uns die Krankenhausreform. Die künftige stationäre Versorgung wird wesentlich über Leistungsgruppen organisiert. Eine eigenständige Leistungsgruppe für die spezielle Schmerzmedizin ist in der derzeitigen gesetzlichen Systematik jedoch nicht vorgesehen.

Ein weiterer Wandel besteht darin, dass wir immer besser verstehen, wie Schmerzen im Körper entstehen. Die Migräne ist dafür ein anschauliches Beispiel. Hier spielt der körpereigene Botenstoff CGRP eine wichtige Rolle: Er ist an der Schmerzentstehung beteiligt. Inzwischen gibt es Medikamente, die gezielt den Botenstoff abfangen oder seine Andockstellen an den Zellen blockieren. Dadurch wird seine Wirkung gehemmt. So können Migräneattacken verhindert oder abgeschwächt werden. Diese Medikamente zeigen, wie aus dem Wissen über die Entstehung einer Erkrankung gezielte Behandlungen entstehen. Weitere therapeutische Angriffspunkte werden untersucht.

Gleichzeitig verändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die neue Gesetzeslage ermöglicht Krankenkassen, auch für Medikamente, die gegen CGRP wirken, Gruppen therapeutisch vergleichbarer Arzneimittel zu bilden. Das kann zu wirkstoffübergreifenden Rabattverträgen führen, was eine freie Auswahl einschränkt. Aus meiner Sicht entsteht hier ein erhebliches Spannungsfeld. Unsere therapeutischen Möglichkeiten werden vielfältiger, während wirtschaftliche Vorgaben die individuelle Auswahl erschweren könnten. Auch die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG e.V.) warnt vor solchen Folgen. Entscheidend wird sein, dass Unterschiede in Wirkung und Verträglichkeit sowie die Bedürfnisse der Betroffenen bei der Umsetzung ausreichend berücksichtigt werden und ein medizinisch notwendiger Therapiewechsel möglich bleibt.

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In der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald wird das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen behandelt. Patientinnen und Patienten erhalten in den diagnostischen Abteilungen, den Ambulanzen, den Stationen sowie der Schlaganfall-Überwachungseinheit „Stroke Unit“ eine umfassende und individuelle Diagnostik und Therapie.

Einer der Schwerpunkte des Kongresses ist die Präzisionsmedizin. Was bedeutet eine individuell abgestimmte Schmerzbehandlung konkret, zum Beispiel für Menschen mit Migräne?

Präzisionsmedizin bedeutet für mich, die Behandlung möglichst genau an den Krankheitsmechanismen und den individuellen Voraussetzungen eines Menschen auszurichten. Bei der Migräne wissen wir heute, dass die Verarbeitung von Reizen im Gehirn verändert ist und im Verlauf zwischen den Attacken und während einer Attacke schwankt. Neben den Kopfschmerzen gehören deshalb auch Symptome wie eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen sowie Übelkeit zum Krankheitsbild.

Ein bereits verfügbares Beispiel sind Medikamente, die die Wirkung des an der Migräne beteiligten Botenstoffs CGRP hemmen. Dazu gehören Antikörper und sogenannte Gepante. Damit ergänzen sie bewährte Medikamente wie Betablocker oder bestimmte Antidepressiva, die ursprünglich zur Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt wurden, aber bei der Migräne wirksam sind. In klinischen Studien werden zudem Wirkstoffe gegen weitere Botenstoffe untersucht, etwa gegen PACAP, das ebenfalls an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist. Andere Forschungsansätze zielen darauf ab, Entzündungsprozesse gezielt zu hemmen oder mit elektrischen beziehungsweise magnetischen Reizen die Aktivität von Nerven zu beeinflussen, die an der Verarbeitung von Reizen und Schmerzen beteiligt sind.

Eine auf den individuellen Krankheitsmechanismus abgestimmte Auswahl bleibt allerdings ein Ziel, an dem wir weiter arbeiten müssen. Wir können bislang nicht mit einem verlässlichen Routinetest vorhersagen, welches Medikament bei welcher Person am besten wirken wird. Genau hier setzt unsere Biomarkerforschung an.

Ebenso wichtig ist der Zugang zu diesen Möglichkeiten. Wir brauchen eine abgestimmte Versorgung von der Hausarztpraxis über die neurologische und schmerzmedizinische Facharztversorgung bis zum spezialisierten Kopfschmerzzentrum. Unser Zentrum an der Universitätsmedizin Greifswald ist auf der höchsten Stufe, Level III, zertifiziert. Wenn grundlegende Behandlungsmaßnahmen nicht ausreichen, sollte der Weg zu einer spezialisierten Therapie offenstehen. Für geeignete Patientinnen und Patienten kann im Rahmen klinischer Studien auch der Zugang zu noch nicht zugelassenen Behandlungsansätzen infrage kommen.

Welche Fragen beschäftigen Sie aktuell in Ihrer Forschung an der Universitätsmedizin Greifswald, und wie fließen diese in den Kongress ein?

Wir möchten die Mechanismen der Migräne besser verstehen und dieses Wissen für die Behandlung nutzbar machen. Ein Schwerpunkt liegt auf Entzündungsmechanismen und den daran beteiligten Signalwegen. Ein zweiter betrifft die neurophysiologischen Veränderungen bei der Verarbeitung von Reizen und Schmerzen. Wir untersuchen, wie sich die Funktion des Nervensystems bei Menschen mit Migräne verändert, insbesondere wenn die Erkrankung häufiger auftritt oder chronisch wird.

Dabei geht es uns darum, aus diesen Erkenntnissen konkrete Entscheidungshilfen für die Versorgung abzuleiten. Wir suchen nach Biomarkern, also objektiv messbaren Merkmalen, die beispielsweise anzeigen, welche Behandlung besonders erfolgversprechend ist oder wie sich die Erkrankungsaktivität im Verlauf verändert. Dazu nutzen wir unter anderem elektrophysiologische Untersuchungen der Reizverarbeitung.

Bislang fehlt für die Routineversorgung ein ausreichend validierter Biomarker, mit dem sich die individuelle Migräneaktivität zuverlässig messen und die Behandlung entsprechend steuern lässt. Solche Biomarker könnten die Auswahl wirksamer Therapien verbessern, unnötige Behandlungen vermeiden und die Patientensicherheit unterstützen. Diese Verbindung zwischen dem Verständnis von Krankheitsmechanismen und konkreten Therapieentscheidungen möchte ich auch auf dem Kongress stärken. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Schwerpunkts Präzisionsmedizin.

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"Besonders am Herzen liegt mir die Präzisionsmedizin im Sinne einer personalisierten Behandlung. Wir möchten Informationen über die individuellen Krankheitsmechanismen nutzen, um unter den verfügbaren Therapieoptionen möglichst früh diejenige auszuwählen, die für den einzelnen Menschen am besten geeignet ist. Dadurch soll sich die oft lange Suche nach einer wirksamen und verträglichen Behandlung verkürzen."

Wenn Sie über den Kongress hinausblicken, was müsste sich ändern, damit Menschen mit chronischen Schmerzen besser versorgt werden?

Wir brauchen vor allem eine besser strukturierte und vernetzte Versorgung. Die hausärztliche Versorgung wird weiterhin die Basis bilden. Von dort sollten klare Behandlungspfade in die spezialisierte Versorgung führen. Dafür brauchen wir gemeinsame Kriterien, anhand derer entschieden wird, wann zusätzliche Expertise erforderlich ist. Bei Kopfschmerzerkrankungen sind das insbesondere neurologische und schmerzmedizinische Facharztpraxen. Wenn deren Möglichkeiten nicht ausreichen, muss auch die nächste Versorgungsstufe in einem spezialisierten Schmerzzentrum oder Kopfschmerzzentrum erreichbar sein.

Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass Schmerzmedizin Zeit braucht. Eine sorgfältige Krankengeschichte, das Verständnis der individuellen Lebenssituation, gemeinsame Therapieentscheidungen und die Begleitung im Verlauf erfordern eine intensive persönliche Zusammenarbeit. Technische Untersuchungen können diese Arbeit unterstützen, aber nur einen Teil der entscheidenden Informationen liefern. Deshalb müssen auch die personellen und finanziellen Voraussetzungen für diese Versorgung gesichert werden. Eine weitere Einschränkung der Kapazitäten, insbesondere in der vertragsärztlichen spezialisierten Versorgung, würde den Zugang zusätzlich erschweren. Klare Versorgungspfade können helfen, vorhandene Kapazitäten sinnvoll einzusetzen. Gleichzeitig muss die zeitintensive Betreuung von Menschen mit chronischen Schmerzen angemessen berücksichtigt werden.